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Legal-AI-Anbieter im Vergleich: sechs Kriterien für die Auswahl
Von Anisja Porschke
Kein Legal-AI-Anbieter erfüllt alle sechs Kriterien, es gibt nur unterschiedliche Kompromisse. Statt nach dem besten Tool zu fragen, legen Sie fest, welche zwei bis drei Kriterien für Ihre Organisation nicht verhandelbar sind, etwa Verlagsdaten, die Arbeit direkt in Word oder volle Datenhoheit. Diese Priorisierung macht aus einer Anbieterliste eine Entscheidung.
Noch im März 2025 ließ sich der Markt für Legal-AI-Tools mit einer einzigen Frage sortieren: Welcher Anbieter deckt meinen Anwendungsfall am besten ab? Harvey, Legora, Libra: fertige Produkte, klare Kategorie. Diese Frage lässt sich heute nicht mehr so einfach beantworten. In unserer Live Session Mitte Juli haben wir uns genau angeschaut, warum das so ist, und vor allem, woran man die Anbieter jetzt wirklich unterscheidet.
Denn es reicht nicht mehr zu wissen, dass KI-Tools leistungsfähiger geworden sind. Entscheidend ist, anhand welcher Kriterien sich diese Leistungsfähigkeit für die eigene Organisation bewerten lässt.
Was hat sich am Legal-AI-Markt verändert?
Kurz: Zu den fertigen Legal-Produkten sind zwei Gruppen hinzugekommen: Modellanbieter und Open-Source-Projekte.
Lange ließ sich der Markt mit einer Anbietergruppe beschreiben: fertige Produkte wie Harvey, Legora oder Libra für einen klar umrissenen Anwendungsbereich. Seitdem sind zwei weitere Gruppen hinzugekommen. Modellanbieter wie Anthropic, die die zugrunde liegende KI-Technologie selbst entwickeln, liefern direkt an Kanzleien, ohne den Umweg über ein separates Legal-Produkt. Anthropic hat im Mai 2026 Legal Plugins und Konnektoren für Claude veröffentlicht. Microsoft bietet seit Juni 2026 Copilot Cowork an, zum Start mit Modellen von Anthropic. Und Open-Source-Projekte ermöglichen es, die KI-Anwendung selbst zu betreiben und vollständig zu kontrollieren.
In unserer Live Session sind wir außerdem darauf eingegangen, wie sich die Technologie dahinter entwickelt hat: vom reinen Chat-Assistenten zum Agenten, der Aufgaben eigenständig ausführt. Für Ihre Toolwahl entscheidend ist vor allem: Sie wählen heute nicht mehr nur ein Produkt, sondern eine von drei grundsätzlich unterschiedlichen Bezugsformen. Fertiges Produkt, direkte Anbindung an einen Modellanbieter oder selbst betriebene Software. Jede dieser Formen hat unterschiedliche Folgen für Ihr Mandatsgeheimnis, Ihren IT-Aufwand und Ihr Budget.

Welche Legal AI Tools gibt es?
Kurz: Legal-Produkte wie Beck-Noxtua, Libra, Legora und Harvey, Modellanbieter wie Claude und Copilot, Open-Source-Projekte wie Mike und LegalWork.
Die folgende Übersicht zeigt je Tool, was der Anbieter selbst in den Vordergrund stellt. Sie ersetzt keinen Test mit Ihren eigenen Dokumenten, hilft aber, die drei Gruppen auseinanderzuhalten.
| Tool | Gruppe | Was der Anbieter hervorhebt |
|---|---|---|
| Beck-Noxtua | Legal-Produkt | Antworten ausschließlich auf Basis des kuratierten Datenbestands von beck-online; Änderungsvorschläge einzeln annehmen oder verwerfen |
| Libra (Partner des AI Legal Club) | Legal-Produkt | Rechtsrecherche auf Basis geprüfter juristischer Quellen; Abgleich von Verträgen mit dem Playbook der Kanzlei; Hosting im Europäischen Wirtschaftsraum |
| Legora | Legal-Produkt | Tabular Review: jedes Dokument eine Zeile, jede Frage eine Spalte, jede Antwort mit Fundstelle; eigene Schreibumgebung (Editor) |
| Harvey | Legal-Produkt | Agenten für komplexe Rechtsarbeit; Vault zum Ablegen und gesammelten Auswerten vieler Dokumente |
| Claude | Modellanbieter | Legal Plugins für 12 Rechtsgebiete und Konnektoren, als Open Source; Arbeit direkt in Ihren Dateien mit Claude Cowork |
| Copilot Cowork | Modellanbieter | läuft innerhalb der Vertrauensgrenze von Microsoft 365, zum Start mit Modellen von Anthropic |
| Mike | Open Source | Plattform für Dokumentenprüfung, Entwürfe und Recherche, selbst zu betreiben |
| LegalWork | Open Source | lokaler Agent, der Dokumente auf dem eigenen Rechner prüft, überarbeitet und entwirft |
Wie diese Tools bei Anwendungsfällen, Rechtsquellen und Datenschutz im Detail abschneiden, zeigt unsere KI-Tool-Übersicht 2026.
An welchen sechs Kriterien unterscheiden sich Legal AI Tools?
Kurz: Verlagsdaten, Skills, Anbindung an Ihre Systeme, Arbeit direkt in Word, Datenhaltung und eine offene Schnittstelle.
Damit Sie Anbieter über Kategorien hinweg vergleichen können, lohnt sich ein Blick auf sechs konkrete Fragen:
Wenn Sie die sechs Kriterien für Ihre Organisation durchgehen: Welche zwei sind für Sie nicht verhandelbar?
Eine Kanzlei mit hohem Rechercheaufkommen wird Verlagsdaten kaum missen wollen und landet eher bei Beck‑Noxtua oder Libra.
Skills sorgen dafür, dass wiederkehrende Aufgaben jedes Mal nach denselben Vorgaben erledigt werden, egal wer sie anstößt.
Je enger ein Tool an Ihr Dokumentenmanagement angebunden ist, desto seltener kopieren Sie Inhalte zwischen Systemen hin und her.
Eine Rechtsabteilung, die vor allem repetitive Vertragsarbeit in Word automatisieren will, profitiert stärker von direkter Dokumentenbearbeitung in Word durch Claude oder Copilot Cowork, auch ohne exklusive Rechtsquellen.
Wer aus Compliance‑Gründen keine Daten außer Haus geben darf, braucht eine Open‑Source‑Lösung oder eine selbst betriebene Instanz.
Die Skills, Playbooks und Vorlagen, die Sie über Monate in einem Tool aufbauen, gehören Ihrer Organisation und nicht dem Anbieter.
Bei den Verlagsdaten geht es um den Zugang zu Kommentaren, Urteilen und Zeitschriften. Sie verringern das Risiko erfundener Fundstellen, schließen es aber nicht aus. Forschende der Stanford University haben 2024 juristische Rechercheprodukte von LexisNexis und Thomson Reuters getestet: Sie halluzinierten in 17 bis 33 Prozent der Fälle.
Skills sind hinterlegte Arbeitsanleitungen, die ein Tool bei passenden Aufgaben selbst abruft, teils mit ausführbaren Skripten. Skills sorgen dafür, dass wiederkehrende Aufgaben jedes Mal nach denselben Vorgaben erledigt werden, egal wer sie anstößt. Wie das funktioniert, lesen Sie in Claude Skills und Tabular Review.
Bei der Anbindung zählt, ob das Tool dort ankommt, wo Ihre Dokumente liegen. Je enger ein Tool an Ihr Dokumentenmanagement angebunden ist, desto seltener kopieren Sie Inhalte zwischen Systemen hin und her. Claude etwa bringt Konnektoren zu iManage und NetDocuments mit.
Die Arbeit direkt in Word spart den Umweg über das Chatfenster. Claude for Word und Copilot arbeiten direkt in Word, also in dem Dokument, an dem Sie ohnehin sitzen.
Bei der Datenhaltung stellt sich die Frage, ob Daten Ihr Haus verlassen. Synchronisiert ein Tool nur mit SharePoint und OneDrive, liegen die Daten in aller Regel in der Cloud von Microsoft. Volle Datenhoheit bieten nur lokal oder auf eigenen Servern betriebene Lösungen.
Und schließlich die Schnittstelle: Ist sie offen für Plugins und Importe? Die Skills, Playbooks und Vorlagen, die Sie über Monate in einem Tool aufbauen, gehören Ihrer Organisation und nicht dem Anbieter. Prüfen Sie deshalb, ob Sie diese Arbeit exportieren und in ein anderes Tool mitnehmen können. Anthropic hat sein Format für Skills dafür als offenen Standard veröffentlicht.
Gibt es ein Legal AI Tool, das alles kann?
Kurz: Nein. Es gibt keinen Anbieter, der alle sechs Kriterien erfüllt, nur unterschiedliche Kompromisse.
Die wichtigste Erkenntnis aus unserer Marktanalyse: Kein Anbieter erfüllt alle sechs. Anbieter wie Legora oder Libra punkten bei Verlagsdaten, haben aber kaum eigene Skills. Claude Cowork und Copilot Cowork bearbeiten Aufgaben direkt in Ihren Dateien und synchronisieren zuverlässig, liefern aber keine exklusiven Rechtsquellen. Open-Source-Projekte bieten Datenhoheit, aber keine Inhalte von Fachverlagen. Inzwischen gibt es auch hier Agenten, die Dokumente selbst bearbeiten: LegalWork prüft und überarbeitet Verträge auf dem eigenen Rechner, Änderungen landen als Überarbeitungen in Word. Es gibt keinen Anbieter, der alle sechs Kriterien erfüllt, nur unterschiedliche Kompromisse.
| Anbietergruppe | Stärke | Grenze |
|---|---|---|
| Legora, Libra | punkten bei Verlagsdaten | haben kaum eigene Skills |
| Claude Cowork, Copilot Cowork | bearbeiten Aufgaben direkt in Ihren Dateien und synchronisieren zuverlässig | liefern keine exklusiven Rechtsquellen |
| Open-Source-Projekte wie Mike oder LegalWork | bieten Datenhoheit | liefern keine Inhalte von Fachverlagen; Abstriche bei Reifegrad und Performance |
„Welche zwei bis drei der sechs Kriterien sind für uns nicht verhandelbar?“
Wie leiten Sie daraus eine Entscheidung ab?
Kurz: Diese Priorisierung, bewusst zwei, drei Kriterien vor den anderen, macht aus einer Anbieterliste eine echte Entscheidung.
Genau hier liegt der eigentliche Denkanstoß: Die Frage ist nicht „Welches Tool ist am besten?“, sondern: „Welche zwei bis drei der sechs Kriterien sind für uns nicht verhandelbar?“ Eine Kanzlei mit hohem Rechercheaufkommen wird Verlagsdaten kaum missen wollen und landet eher bei Beck‑Noxtua oder Libra. Eine Rechtsabteilung, die vor allem repetitive Vertragsarbeit in Word automatisieren will, profitiert stärker von direkter Dokumentenbearbeitung in Word durch Claude oder Copilot Cowork, auch ohne exklusive Rechtsquellen. Wer aus Compliance‑Gründen keine Daten außer Haus geben darf, braucht eine Open‑Source‑Lösung oder eine selbst betriebene Instanz. Diese läuft auf eigenen Servern statt in der Cloud des Anbieters. Abstriche bei Reifegrad und Performance sind dann einzuplanen.
Diese Priorisierung, bewusst zwei, drei Kriterien vor den anderen, macht aus einer Anbieterliste eine echte Entscheidung.
Eines gilt für alle drei Bezugsformen gleichermaßen: Sobald Mandatsdaten im Spiel sind, gelten für den Anbieter die Regeln für Dienstleister aus § 43e BRAO, von der sorgfältigen Auswahl bis zum Vertrag in Textform. Wie Sie mit dem gewählten Tool dann Verträge prüfen, lesen Sie in Verträge mit KI prüfen: drei Wege und ihre Grenzen.

Häufige Fragen
Welches Legal AI Tool ist das beste?
Keines für alle. Es gibt keinen Anbieter, der alle sechs Kriterien erfüllt, nur unterschiedliche Kompromisse. Entscheidend ist, welche zwei bis drei Kriterien für Ihre Organisation nicht verhandelbar sind.
Welche Bezugsformen gibt es für Legal AI Tools?
Drei: ein fertiges Legal-Produkt, die direkte Anbindung an einen Modellanbieter oder selbst betriebene Open-Source-Software. Jede dieser Formen hat andere Folgen für Ihr Mandatsgeheimnis, Ihren IT-Aufwand und Ihr Budget.
Sind Legal AI Tools mit Verlagsdaten fehlerfrei?
Nein. In einer Studie der Stanford University von 2024 halluzinierten Rechercheprodukte von LexisNexis und Thomson Reuters in 17 bis 33 Prozent der Fälle. Verlagsdaten senken das Risiko, sie ersetzen aber nicht Ihre Endkontrolle.
Was ist der Unterschied zwischen Legal Tech und Legal AI?
Legal Tech ist der Oberbegriff für Software, die juristische Arbeit unterstützt, vom Dokumentenmanagement bis zur Fristenkontrolle. Legal AI meint den Teil davon, der mit künstlicher Intelligenz arbeitet, heute vor allem mit Sprachmodellen, die Texte lesen, prüfen und entwerfen.
Quellen
- AI Legal Club: KI-Tool-Übersicht 2026, abgerufen am 26.10.2026
- Beck-Noxtua: Produkt, abgerufen am 27.10.2026
- Libra: Juristische KI, abgerufen am 27.10.2026
- Legora: Tabular Review, abgerufen am 27.10.2026
- Legora: Introducing Editor, abgerufen am 27.10.2026
- Harvey: AI software for legal and professional services, abgerufen am 27.10.2026
- Claude Blog: Claude for the legal industry, abgerufen am 27.10.2026
- Microsoft 365 Blog: Copilot Cowork is now generally available, abgerufen am 27.10.2026
- GitHub: Mike, OSS Legal AI Platform (open-legal-products), abgerufen am 27.10.2026
- GitHub: LegalWork, a local computer-use agent for law firms (Eigenwelt Labs), abgerufen am 27.10.2026
- Magesh u. a.: Hallucination-Free? Assessing the Reliability of Leading AI Legal Research Tools (Stanford, 2024), abgerufen am 27.10.2026
- Claude Blog: Introducing Agent Skills, abgerufen am 27.10.2026
- § 43e Bundesrechtsanwaltsordnung (Inanspruchnahme von Dienstleistungen), abgerufen am 27.10.2026
In unserer Tool-Übersicht zeigen wir Ihnen für fünf zentrale KI-Tools im Detail, wie sie bei genau diesen Fragen abschneiden: Anwendungsfälle, Zugang zu Rechtsquellen, Sicherheit & Datenschutz und für welche Organisation sie sich eignen – destilliert aus unserer Arbeit mit über 1.400 Jurist:innen.
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