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Vibe Coding für Juristen: eigene Tools bauen, ohne auf die IT zu warten

Von Anisja Porschke

Vibe Coding heißt: Sie beschreiben in natürlicher Sprache, was eine Anwendung tun soll, und die KI schreibt den Code. Für Jurist:innen lohnt sich das bei kleinen Werkzeugen, die zu speziell für Standardsoftware und zu klein für ein IT-Projekt sind. Was so entsteht, sind Piloten zum Verproben, keine produktionsreifen Tools.

Kennen Sie das? Sie hätten gern ein kleines Werkzeug für Ihr Team: ein Formular für eingehende Rechtsanfragen, eine Checkliste für das Onboarding oder einen einfachen NDA-Generator. Das IT-Ticket dazu liegt seit Wochen in der Warteschlange. Externe Lösungen sind zu teuer, und die Standardsoftware kann es nicht so, wie Sie es brauchen.

Was wäre, wenn Sie so etwas selbst bauen könnten, ohne eine Zeile Code zu schreiben? Genau das ist die Idee hinter Vibe Coding. Hier erfahren Sie, was dahintersteckt, wofür es sich im juristischen Alltag eignet und wo Sie besser die Finger davon lassen.

Was ist Vibe Coding?

Kurz: Sie beschreiben in natürlicher Sprache, was eine Anwendung tun soll, und die KI schreibt den Code.

Beim Vibe Coding bauen Sie eine Softwarelösung, ohne selbst zu programmieren. Sie erklären der KI in natürlicher Sprache, was die Anwendung können soll. Die KI erzeugt den Code, Sie testen, geben Rückmeldung, die KI bessert nach. So arbeiten Sie sich Schritt für Schritt zur fertigen Lösung vor. Im Dialog, nicht in einer Programmiersprache.

Den Begriff hat Andrej Karpathy geprägt, einer der bekanntesten KI-Forscher weltweit, in einem Beitrag auf X von Anfang Februar 2025:

„There's a new kind of coding I call 'vibe coding', where you fully give in to the vibes, embrace exponentials, and forget that the code even exists.“

Andrej Karpathy, Februar 2025

Ein Jahr später hat Karpathy einen zweiten Begriff ins Spiel gebracht: Agentic Engineering. Gemeint ist die professionelle Arbeit mit KI-Agenten, bei der Menschen den erzeugten Code beaufsichtigen. Vibe Coding verschwindet damit nicht, Karpathy grenzt es nur ab. Für Jurist:innen ist genau diese Unterscheidung hilfreich: Etwas schnell ausprobieren ist das eine. Ein Werkzeug dauerhaft im Team zu betreiben, ist etwas anderes.

Wann lohnt sich Vibe Coding für Juristen?

Kurz: Wenn eine Idee zu speziell für ein Standardprodukt und zu klein für ein IT-Projekt ist.

Müssen jetzt alle Jurist:innen programmieren lernen? Nein. Vibe Coding wird interessant, wenn Sie eine Idee haben, die zu speziell für ein Standardprodukt ist und zu klein für ein IT-Projekt. Oder wenn Sie etwas erst einmal verproben wollen, bevor jemand Zeit und Budget investiert.

Typische Beispiele aus Kanzleien und Rechtsabteilungen:

  • Legal Front Door: ein Formular, über das Mitarbeitende ihre Rechtsfragen einreichen, und ein Dashboard, in dem die Rechtsabteilung alle Anfragen gebündelt sieht
  • Fristenrechner: Rechtsgebiet auswählen, Datum eingeben, die relevanten Fristen werden berechnet
  • Zeiterfassungs-Dashboard: gebuchte Stunden je Mandat und je Anwält:in auf einen Blick

Im AI Legal Club haben wir das selbst ausprobiert. Nach einer Stunde stand ein vollständiges Intake-Tool, also eine Legal Front Door als Prototyp. Dabei ist uns etwas aufgefallen, das Mut machen sollte: Jurist:innen bringen die entscheidende Fähigkeit schon mit. Einen Sachverhalt strukturieren, Anforderungen formulieren, nachschärfen. Genau so funktioniert Vibe Coding.

Breiter Screenshot einer Web-App „Legal Frontdoor“. Links ein Formular zur Rechtsanfrage mit Feldern für Name, Abteilung, Betreff, Beschreibung, Kategorie, Dringlichkeit und Dokumenten-Upload sowie Button „Anfrage absenden“. Rechts ein Dashboard mit Kennzahlen (gesamt, offen, kritisch, heute neu), Suchleiste und einer Ticket-Tabelle (Ticketnummer, Name, Abteilung, Betreff, Kategorie, Dringlichkeit, Status).

Man kann das auch größer denken. Shawn Curran, Chef des Legal-Tech-Anbieters Jylo, beobachtet in einem Gastbeitrag bei Artificial Lawyer vom März 2026, dass praktizierende Anwält:innen ihren Kanzleien zunehmend raten, gezielt eigene Systeme zu bauen, statt externe Tools einzukaufen. Ob das für Ihre Organisation der richtige Weg ist, entscheidet sich nicht am ersten Prototyp. Aber der Prototyp liefert die Grundlage für diese Entscheidung.

Welche Vibe-Coding-Tools eignen sich für den Einstieg?

Kurz: Für erste Versuche reichen Werkzeuge wie Lovable oder der Build-Modus von Google AI Studio.

Zum Einstieg eignen sich zum Beispiel Lovable und Google AI Studio. Beide erzeugen aus Ihrer Beschreibung eine lauffähige Anwendung, die Sie sofort ausprobieren können.

WerkzeugWas es laut Anbieter istWas Sie vorher wissen sollten
Lovableeine KI-Plattform, die aus Ihrer Beschreibung eine laufende Webanwendung erzeugtEinstieg kostenlos, abgerechnet wird nach Credits
Google AI Studio (Build)ein Modus, in dem Sie Apps per Beschreibung bauen („vibe code“) und bereitstellenKosten möglich bei bezahlten Modellen und beim Bereitstellen über Google Cloud Run
Stand 27.10.2026 · Herstellerangaben, Quellen unten

Wenn es Ihnen weniger um eine eigene App geht als um wiederkehrende Aufgaben, die die KI immer gleich erledigen soll, sind Skills oft der kürzere Weg.

Wie bauen Sie Ihren ersten Prototyp?

Kurz: Klein anfangen, wie einen Sachverhalt beschreiben, mit Testdaten prüfen, nachschärfen.

Wählen Sie ein kleines Problem aus Ihrem Alltag. Je enger der Zweck, desto besser das Ergebnis. „Ein Formular für Anfragen aus dem Vertrieb mit Feldern für Vertragstyp, Frist und Ansprechperson“ ist ein guter Start. „Ein Tool für die ganze Rechtsabteilung“ ist es nicht.

Beschreiben Sie das Werkzeug dann wie einen Sachverhalt. Wer nutzt das Werkzeug, was gibt die Person ein, was soll am Ende herauskommen? Nennen Sie Pflichtfelder und Regeln ausdrücklich, so wie Sie es auch in einem Vermerk tun würden.

Testen Sie mit erfundenen Daten. Echte Mandats- oder Personaldaten haben in einem Prototyp nichts zu suchen. Und geben Sie konkrete Rückmeldung: „Das Datumsfeld soll nur Werktage zulassen“ hilft der KI mehr als „funktioniert noch nicht“.

Bevor Sie Ihren ersten Prototyp bauen: Was davon haben Sie geklärt?

  1. Je enger der Zweck, desto besser das Ergebnis.

  2. Wer nutzt das Werkzeug, was gibt die Person ein, was soll am Ende herauskommen?

  3. Echte Mandats- oder Personaldaten haben in einem Prototyp nichts zu suchen.

  4. Wer pflegt das Werkzeug, wenn sich Fristen oder Abläufe ändern?

Was Sie so bauen, sind Piloten zum Verproben, keine fertigen, produktionsreifen Tools. Genau darin liegt der Wert: In kurzer Zeit wird aus einer Idee etwas Greifbares, über das Sie mit Kolleg:innen und der IT sprechen können.

Wo liegen die Grenzen von Vibe Coding?

Kurz: Bei Daten, Sicherheit und Betrieb. Ein Prototyp ist keine geprüfte Software.

KI-generierter Code kann Sicherheitslücken enthalten, auch wenn die Anwendung auf den ersten Blick einwandfrei läuft. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und die französische Behörde ANSSI haben dazu schon 2024 gemeinsame Empfehlungen für den Einsatz von KI-Programmierassistenten veröffentlicht. Selbst Befürworter von Vibe Coding sehen das Risiko. Shawn Curran schreibt bei Artificial Lawyer: „Someone will eventually install a package with a vulnerability, call an unsafe endpoint, or ship something half-baked.“

Dazu kommen Datenschutz und Verschwiegenheit. Solange niemand geprüft hat, wo ein Werkzeug Daten speichert und wer darauf zugreift, gehören keine Mandatsdaten hinein. Das gilt für selbst gebaute Tools genauso wie für gekaufte.

Und dann der Betrieb. Wer pflegt das Werkzeug, wenn sich Fristen oder Abläufe ändern? Ein selbst gebauter Fristenrechner ersetzt keine Fristenkontrolle, die Verantwortung für das Ergebnis bleibt bei Ihnen. Soll aus dem Prototyp ein echtes Werkzeug werden, ist das der Moment für die IT. Mit einem funktionierenden Entwurf in der Hand führen Sie dieses Gespräch allerdings ganz anders als mit einer Idee auf Papier.

Auf welche Softwarelösung warten Sie bisher vergeblich? Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, sie selbst zu bauen.

Häufige Fragen

Brauche ich Programmierkenntnisse für Vibe Coding?

Nein. Sie beschreiben in natürlicher Sprache, was die Anwendung tun soll, testen das Ergebnis und geben Rückmeldung. Hilfreich ist vor allem, eine Anforderung sauber zu strukturieren, und das gehört zum juristischen Handwerk.

Was kostet der Einstieg in Vibe Coding?

Lovable lässt sich laut Anbieter kostenlos ausprobieren, die Tarife richten sich nach Credits. Bei Google AI Studio können laut Google Kosten anfallen, wenn Sie bezahlte Modelle nutzen oder eine App über Google Cloud Run bereitstellen. Prüfen Sie die Bedingungen vor dem Start, sie ändern sich häufig.

Darf ich echte Mandatsdaten in einen Prototyp geben?

Nein. Arbeiten Sie im Prototyp mit erfundenen Testdaten. Bevor ein Werkzeug echte Mandats- oder Personaldaten verarbeitet, müssen Datenschutz, Verschwiegenheit und IT-Sicherheit geklärt sein, und zwar gemeinsam mit Ihrer IT.

Was ist der Unterschied zwischen Vibe Coding und Agentic Engineering?

Vibe Coding beschreibt das schnelle Bauen im Dialog mit der KI, ohne sich um den Code selbst zu kümmern. Mit Agentic Engineering meint Andrej Karpathy die professionelle Arbeit mit KI-Agenten, bei der Menschen den erzeugten Code beaufsichtigen.

Was ist eine Legal Front Door?

Eine zentrale Eingangsstelle für Rechtsanfragen: Mitarbeitende reichen ihre Frage über ein Formular ein, die Rechtsabteilung sieht alle Anfragen gebündelt in einem Dashboard. Im AI Legal Club haben wir eine Legal Front Door per Vibe Coding als Prototyp gebaut.

Quellen

Die Academy für KI-Kompetenz im ganzen Team